Hoffnung auf Ruhe in Frankreich

In der Nähe der Grafschafter Partnergemeinde Fauville en Caux ist es zu Ausschreitungen gekommen - Sorge um die Freunde

Bernd Riedel hat viele Freunde in Fauville en Caux. Der RZ erzählte der Vorsitzende des Grafschafter Partnerschaftsvereins, wie seine französischen Bekannten die Ausschreitungen einschätzen, die sich im 40 Kilometer entfernten Rouen abspielen.
  GRAFSCHAFT. Wenn in der Zeitung wieder etwas Neues über die Unruhen in Frank­reich steht, schauen Bernd und Francoise Riedel genauer hin. Zwar hat der 55-Jährige erst vor zwei Jahren den Vorsitz des Partnerschaftsvereins der Gemeinde Grafschaft mit der französischen Kommune Fauville en Caux übernommen, doch in dieser Zeit haben er und seine belgische Ehefrau schon viele freundschaftliche Bande geknüpft. Kein Wunder also, dass sie sich dafür interessieren, wie es den Menschen geht, die ihnen - zumindest per Telefon - stets nahe sind.
  "Am Montag hat meine Frau bei der Vorsitzenden des Partnerschaftsvereins in Frankreich angerufen. In und um Fauville ist es zwar ruhig, doch die Menschen haben Angst, dass sich der Konflikt zu einem Bürgerkrieg ausweiten könnte", erklärt der ehemalige Soldat.
  Fauville en Caux - ein malerischer Ort mit etwa 2000 Einwohnern in der Norman­ die - befindet sich zwar nicht in der Nähe von Paris, wo Jugendliche seit Tagen Autos anzünden, Menschen verprügeln oder gar auf Polizisten schießen.


Das Grafschafter Ehepaar Francoise und Bernd Riedel hat in der französischen Partnergemeinde Fauville en Caux viele Freunde.
Foto: Evelyn Stolberg

Doch Rouen liegt quasi um die Ecke. Und auch dort ist es zu Ausschreitungen gekommen. "Viele unserer Bekannten arbeiten in Rouen. Die Freundin unseres ältesten Sohnes studiert da an der Uni. Klar hat er Angst, dass ihr etwas passieren könnte. Erst gestern Abend hat er sie. angerufen, um zu fragen, wie gefährlich die Situation ist. So wie es aussieht, haben gewalttätige Jugendliche nachts in Rouen gewütet. Da waren die Bürger aus Fauville aber schon zu Hause."
  Dass die jungen, gewaltbereiten Franzosen Menschen verletzen, kann Bernd Riedel nicht gutheißen. "Ihr Handeln darf man nicht akzeptieren. Aber ich verstehe, dass die Jugendlichen Probleme mit ihrer Situation haben. Die meisten von ihnen, oder zumindest ihre Eltern und Großeltern, sind bereits vor 30 Jahren aus Algerien nach Frankreich gekommen. Jede Regierung, die in dieser Zeit an der Macht war, hat versäumt, sich um ihre Integration zu kümmern. Sie wurden statt dessen in Ghettos am Stadtrand gepfercht. Chancengleichheit gab es für sie nie." Wie man das Problem in den Griff bekommen könnte, dafür hat Bernd Riedel kein Patentrezept. "Eine Freundin aus Frankreich befürchtet sogar, dass die Armee in den Städten eingesetzt wird. Wir hoffen aber, dass das nicht passiert, sonst eskaliert die Situation vielleicht noch mehr", erklärt Francoise Riedel. Ihr Mann ergänzt: "Soldaten werden nicht für solche Einsätze ausgebildet. Da gilt: Wer als erster schießt, ist Sieger."
  Irgendwie, das wissen beide, muss die Gewalt im Nachbarland aber gestoppt werden. "Zwischen Rouen und Fauville en Caux liegt ein Dorf, da ist mittlerweile alles verbrannt. In der Nacht wurden dort Autos und Schulen angezündet", erzählt Francoise. Auch deshalb gefällt es ihr eigentlich nicht, dass ihr Ältester übernächstes Wochenende in die Grafschafter Partnergemeinde fährt, um seine Freundin zu besuchen. "Ich bin halt Mutter. Da ist es doch klar, dass ich mir Sorgen mache", sagt sie.
  Überängstlich reagieren, das wollen sie aber auch nicht. Bernd Riedel wird sich im April auf jeden Fall als Betreuer mit 30 Jugendlichen aus der Grafschaft auf den Weg nach Fauville machen. Er hofft, dass bis dahin wieder Ruhe in Frankreich eingekehrt ist.
Evelyn Stolberg

Quelle: Rheinzeitung vom 10.11.2005


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