Vivian ist ein echtes Christkind

Am 24. Dezember 2004 erblickte ein kleines Mädchen
im Bad Neuenahrer Krankenhaus das Licht der Welt

An Heiligabend wird die Geburt Jesu gefeiert. Das hatte im vergangenen Jahr auch die Familie Reith aus Grafschaft-Ringen vor. Doch dann kam alles anders: Töchterchen Vlvian erblickte das Licht der Welt. Ein echtes "Christkind".
  GRAFSCHAFT. Ganz gegen ihre Gewohnheit hatte Anke Reith aus Ringen im vergangenen Jahr bereits am 23. Dezember den traditionellen Reissalat für die Familienfeier an Heiligabend vorbereitet, den Baum geschmückt und die Geschenke hübsch verpackt. Die Familienfeier im Wohnzimmer fiel dann aber aus und das schönste Geschenk kam gänzlich unverpackt und stellte trotzdem alle anderen Weihnachtsüberraschungen in den Schatten. Töchterchen Vivian erblickte am 24. Dezember 2004 um 19.15 Uhr im Krankenhaus Maria Hilf in Bad Neuenahr das Licht der Welt.


Ob der Spruch auf dem Pullover andeuten soll, dass Vivian Reith einen guten Draht zu Jesus hat, ist reine Spekulation. Fakt ist aber, dass sie am 24. Dezember 2004 das Licht der Welt erblickte - früher, als erwartet.
Foto: Hans-jürgen Vollrath

Ganz proper mit ihren knapp 3000 Gramm und 49 Zentimetern ­obwohl eigentlich erst der 10. Januar als Geburtstermin errechnet worden war.
  Hebamme Marion Sermann erinnert sich noch an das "Christkind" vom vergangenen Jahr. Überall in den Häusern leuchteten die Christbäume, Familien fanden sich zur Bescherung zusammen und feierten gemeinsam die Geburt eines Kindes in einem Stall in Bethlehem.
  Auch wenn es heute kein Stall sondern ein moderner Kreißsaal ist und statt einer strohgefüllten Krippe ein Wärmebettehen wartet, "eine reibungslose Geburt ist eigentlich das schönste Geschenk. Und wenn man der Frau dann das Kind in die Arme legt, dann ist alles wunderbar" , hat Marion Sermann erfahren. Die 24-jährige Hebamme wird auch diesmal an den Weihnachtstagen im Kreißsaal im Krankenhaus Maria Hilf ihren Dienst tun. Mit drei Kolleginnen sorgt sie dafür, dass rund um die Uhr jemand für die werdenden Mütter da ist. Und für die werdenden Väter ebenso, denn fast 90 Prozent der Gebärenden bringen ihren Partner mit ins Krankenhaus.
  Es ist ein unbestätigtes Gerücht, dass Männer im Kreißsaal reihenweise in Ohnmacht fallen, aber bisweilen brauchen sie schon ein wenig seelische Unterstützung. "Wenn sie sehen, dass die Frau große Schmerzen hat, dann sage ich ihnen, dass das ganz natürlich und normal ist", erklärt Sermann.
  Arbeiten an Weihnachten ­ was sie früher als schrecklich empfand, sieht sie heute als ganz normalen Teil ihres Berufes. Denn der Geburtstermin lässt sich zwar errechnen, aber nicht wirklich voraussagen: "Da steckt man nicht drin", beschreibt die junge Hebamme ihre Erfahrungen.
  Bei Promis ist es inzwischen gang und gäbe, den Geburtstermin durch einen Wunschkaiserschnitt selber zu bestimmen und in den Terminplan einzupassen. Diesen Trend beobachten Fachleute auch in Deutschland. Dabei müssen die Krankenhäuser eine ethische Gratwanderung vollziehen: ohne medizinische Indikation sollte es keine Kaiserschnitt-Operation geben. Gleichzeitig will man im Konkurrenzkampf keine Patientin an eine andere Klinik verlieren, die vielleicht diesem Wunsch der Schwangeren entspricht. In Maria Hilf nimmt man lieber auf natürliche Weise Einfluss auf den Termin, etwa durch Akupunktur.
  Etwas über 400 Schwangere haben im Jahr 2005 im Bad Neuenahrer Kreißsaal entbunden. Die Schließung der Adenauer Geburtsstation im St. Josef Krankenhaus hat sich auf diese Zahl nur geringfügig ausgewirkt. Manchmal, wenn alles ruhig ist, dann zelebriert man an Heiligabend auch im Krankenhaus ein wenig Weihnachtsstimmung, steckt eine Kerze an, sitzt mit Arzt und Kollegen im Personalzimmer, kocht Kaffee und knabbert an Plätzchen. "Aber eigentlich ist es ein Dienst wie jeder andere", erklärt die Hebamme. Denn nicht nur dem neuen Erdenbürger ist die geplatzte Familienfeier ziemlich egal, auch für die frisch gebackenen Eltern rückt der ganze Weihnachtsrummel erst einmal weit in den Hintergrund. So wurde auch der Reissalat von Anke Reith vergessen - und landete schließlich im Müll.   Gabi Geller

Quelle: Rheinzeitung vom 24.12.2005


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