Haribo denkt an Standortwechsel

Der Süßwarenhersteller aus Bonn will expandieren und liebäugelt
mit einem 25 Hektar großen Grundstück im Kreis Ahrweiler

Haribo ist auf der Suche nach einem neuen Standort. Denn in Bonn, wo bereits im Jahr 1920 der Grundstein für das Süßwa­ren-Imperium gelegt wurde, fehlt der Platz zum Expandie­ren. Das neue Hauptquartier des Unternehmens könnte bald in Rheinland-Pfalz liegen - falls die im Kreis Ahrweiler angebotene Fläche das Rennen gegen das Grundstück der Stadt Rheinbach in Nordrhein-Westfalen macht.


  BONN / AHRKREIS. "Bornheim ist raus", erklärt Marco AIfter, Leiter der Pressestelle bei Haribo. Diese Entscheidung dürfte den Bürgermeister der Gemeinde Grafschaft freuen. Denn sie vergrößert die Wahrscheinlichkeit, dass die Zentrale des Gummibären-Giganten aus Nordrhein-Westfalen nach Rheinland-Pfalz zieht. Neben der Gemeinde im Kreis Ahrweiler ist derzeit nur noch ein Grundstück der Stadt Rheinbach in der engeren Wahl.
  "Definitiv entschieden wurde aber noch nichts" , winkt Marco Alfter ab. Erst will man prüfen, wer das bessere Angebot macht. Und da wird scharf kalkuliert und verglichen. Schließlich wird eine 25 Hektar große, recht ebene Fläche benötigt, deren Ankauf nicht billig werden dürfte. Doch auch eine ideale Verkehrsanbindung sowie Gewerbesteuer und Grundstückspreise spielen eine große Rolle. Die Stadt Bonn, in der der Haribo-Gründer Hans Riegel anno dazumal in einer kleinen Hinterhof­Waschküche mit einem Sack Zucker und einem Kupferkessel anfing, "konnte kein Angebot machen, das diese Voraussetzungen erfüllt. Und die Situation am jetzigen Standort ist leider nicht ideal", stellt Marco AIfter fest. Das Problem: Rund um das Haribo­Gelände sind über die Jahre zahlreiche Wohnhäuser gebaut worden. Also fehlt der Platz, um die Produktionsstätte zu erweitern. Aber nicht nur das: Die rund 100 Lastwagen, die täglich durch die engen Straßen bis zur nächsten Autobahnauffahrt fahren, sorgen für Lärm. Und darüber sind wiederum die Anwohner , nicht gerade erfreut. Ausreichend Parkplätze für die Haribo-Angestellten und die Bonner, die in der Nähe des Firmen-Geländes wohnen, gibt es auch nicht.
 


Die Aufnahme aus der Vogelperspektive zeigt das Problem, mit dem Haribo in Bonn zu kämpfen hat: Wohnhäuser sind ganz in der Nähe der Pro- duktionsstätte gebaut worden. Daher ist es nicht möglich, dort zu expandieren.

  So, wie es derzeit läuft, wird es auf Dauer also nicht weitergehen können. Deshalb liebäugelt der Süßwaren-Produzent damit, sein Hauptquartier vor die Tore Bonns zu verlagern, und das im großen Stil. "Momentan nutzen wir angemietete Flächen in Köln als Hauptlager. Falls wir den Bonner Standort verlassen, wäre der erste Schritt, selbst ein entsprechendes Lager zu bauen", erklärt der Leiter der Pressestelle. Obwohl es sein könnte, dass dann trotzdem ein Teil der Produktion in Bonn verbleibt, sucht das Unternehmen nach einem Grundstück, auf dem genügend Platz vorhanden ist, um dort die Logistik, Verwaltung und Produktion unterzubringen. Alles in allem werden dafür 25 Hektar benötigt. Vielleicht schon Ende dieses Jahres, möglicherweise aber erst Anfang 2006 soll die Entscheidung für einen neuen Standort fallen.
  Vorwürfe, dass das Unternehmen mit seinen Plänen nur Druck auf Bonn ausüben möchte, letztlich aber gar nicht plant, tatsächlich umzuziehen, weist Marco Alfter zurück. "Das stimmt nicht. Sonst hätten wir nicht bereits jetzt mitgeteilt, dass wir uns gegen Bornheim entschieden haben, weil dort das Angebot einfach nicht gestimmt hat." Obwohl letztlich der unternehmensche Gedanke bei den Umzugsplänen im Vordergrund steht, haben die Haribo-Inhaber, die Brüder Hans und Paul Riegel, ein besonderes Anliegen: "Ihnen ist wichtig, dass der neue Standort so nah an Bonn dran ist, dass die jetzigen Mitarbeiter dorthin problemlos pendeln können."
  Die Frage, ob es dem Traditionsunternehmen nicht schwer fallen werde, aus Bonn wegzuziehen, beantwortet Marco Alfter nicht sofort, sondern wägt kurz ab: "Wissen Sie, Bonn war gewohnt, als Politiker-Stadt zu überleben. Jahrzehntelang hat man sich außerdem auf Dienstleistungs- unternehmen gestützt, etwa die Telekom oder die Post. Doch an das produzierende Gewerbe hat man nicht gedacht." Von diesem Versäumnis könnte die Gemeinde Grafschaft im Kreis Ahrweiler profitieren. Doch das wird nur geschehen, wenn man rasch die Schwachstellen des angebotenen Grundstücks ausmerzt.
  Bürgermeister Achim Juchem hat den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck kürzlich bei einem Treffen vor Ort daran erinnert, dass es für das in Frage kommende Gewerbegebiet in Grafschaft-Ringen zwar einen direkten Autobahnanschluss gibt. Doch dieser ist bislang nur in Richtung Köln fertig gestellt worden. Wer von dort in Richtung Koblenz fahren möchte, muss einen Umweg bis zur nächsten Auffahrt in Kauf nehmen. Ob Haribo dazu bereit wäre, ist mehr als fraglich. Evelyn Stolberg


Die Entwicklung von Haribo
1920 macht sich Hans Riegel selbstständig. Seine Firma wird unter dem Namen Haribo ins Bonner Handelsregister eingetragen. Zehn Jahre später arbeiten bereits 160 Angestellte für ihn. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt Hans Riegel im Alter von 52 Jahren. 1946 kommen seine Söhne Hans und Paul Riegel aus der Kriegsgefangenschaft zurück und übernehmen die Firma. Die bis heute bestehende Arbeitsteilung wird schon damals entwickelt: Hans Riegel übernimmt den kaufmännischen Bereich einschließlich Marketing und Vertrieb, sein Bruder Paul leitet den Produktionsbereich. Über die Jahre expandiert Haribo immer stärker. Heute produziert das Unternehmen Süßwaren an 18 Standorten in ganz Europa, etwa in Frankreich und England. Auch in den USA und im arabischen Raum sind die beliebten Gummibären erhältlich. In Bonn befinden sich die Verwaltung und eine Produktionsstätte. Außerdem gibt es in Deutschland Produktionsstätten in Neuss, Solingen, WiIkau-Haßlau und Mainbernheim. Den Mitte der 30er-Jahre erstmals verwendeten Werbeslogan "Haribo macht Kinder froh" nutzt das Unternehmen immer noch erfolgreich. (sto)

Quelle: Rheinzeitung vom 24.08.2005


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